Monografie Sandro Livio Straube
2025, Kerber Verlag, Berlin
Projektleitung • Konzept in Zusammenarbeit mit Sandro Livio Straube und dem Kerber Verlag • Grafische Gestaltung • Bildoptimierung • Textbeitrag • Buchpräsentation in der Galerie 94, Baden
Berge bleichen ist Fotografie und Lebensform zugleich. Unter dem Eindruck eines alles ausbleichenden Sonnenlichts in den Bergen schafft Sandro Livio Straube seit 2015 eine fortlaufende Bildserie, die von Entschleunigung und Entsättigung spricht. Auf diesem Übungsweg des Schauens, mit dem Blick durch die Kamera, findet eine Auseinandersetzung mit der Vergänglichkeit statt, mit der Verletzlichkeit aller Lebewesen, der Hinfälligkeit der von Menschen geschaffenen Umgebung. Die Schwarz-Weiss- und Farbaufnahmen aus dem Alpental Val Lumnezia zeugen von einer erfüllten Gegenwärtigkeit, die die Dinge in ihrer eigenen Schönheit sichtbar macht. Die drei Textbeiträge beleuchten verschiedene Aspekte dieser fotografischen Arbeit, wobei Passagen auf Rätoromanisch und Schweizerdeutsch auch etwas vom Lebensgefühl im Tal des Lichts vermitteln.
2025, Kerber Verlag, Berlin, 180 Seiten, 112 Abbildungen, 21,5 × 27,0 cm
ISBN 978-3-7356-1060-7
Deutsch, Englisch, Rätoromanisch, Schweizerdeutsch
Texte von: Judith Annaheim, Melody Gygax, Asa Hendry
Buchvernissage und Ausstellung
Galerie 94, Bruggerstrasse 37, 5400 Baden
www.galerie94.ch
Buchvernissage: 4. September 2025, 18 Uhr
Ausstellung: 4. September – 11. Oktober 2025


Auszug aus dem Textbeitrag von Judith Annaheim
Sehen lernen im Tal des Lichts
Die Erfahrung, um die es in dieser Bilderserie geht, ist von zwei Fotografien umfasst, der ersten und letzten in diesem Buch, und wird von diesen ebenso unscheinbar wie sinnbildlich beschrieben. Es sind die aus dem Schnee herausragenden verdorrten Stängel einer Pflanze zu sehen, einmal in Schwarz-Weiss, einmal in Farbe. Fast könnte man meinen, es sei dasselbe Bild; tatsächlich wurden sie in einem Umkreis von zehn Metern aufgenommen, doch zwischen ihnen liegt eine innere und äussere Reise. Die heitere Stimmung, die Sonne, diffus sichtbar durch den Nebel, die weichen bläulichen Schatten im Schnee – sie wurden als Bild durch eine Entwicklung über mehrere Jahre möglich.
2019 zieht Sandro ins Tal. Es ist ein besonderes Tal, das Val Lumnezia, wie es in Rätoromanisch heisst. Von Zürich, wo Sandro Architektur studierte, gelangt man über Chur und Ilanz in das sonnige Alpental, das sich über 25 Kilometer südwestwärts erstreckt. Doch die Strasse, die durch die immer kleiner werdenden Dörfer führt, läuft irgendwann einfach aus; nach den letzten Häusern, von denen manche nur im Sommer bewohnt sind, nach den letzten bewirtschafteten Weiden und Wiesen wird es öde, rau und steil. Wer zu Fuss weiterwandert, erreicht die Greina Hochebene mit ihrem magischen Licht, das die Flussläufe in glänzende Adern in der Landschaft verwandelt. Kein Tunnel, keine Passstrasse. Niemand fährt am Val Lumnezia vorbei, sondern nur ins Val Lumnezia hinein. Auch Sandro geht in das Tal hinein – um da zu sein. „Da. Da, wo ich bin.“ So lautet der Arbeitstitel der sich ab 2015 formenden fotografischen Arbeit. Gegenwärtigkeit ist das, was er sucht und im genauen Hinschauen verwirklicht. Anfänglich fotografiert er, ohne zu wissen, dass daraus ein Projekt wird. Es wird eine Lebensweise. Das Jahr 2019 ist vollständig dieser neuen Lebensform gewidmet, bestimmt von der Fotografie. Täglich ist er draussen unterwegs, oft ohne Uhr, ohne Telefon, ohne Plan. Er durchwandert das Dorf, die Wälder und Wiesen und erweitert seine Streifzüge nach und nach ins gesamte Tal, jedoch meist nur bis zur Baumgrenze, denn das klassische Bergbild ist nicht sein Ziel – im Gegenteil: Oft ist der Blick auf den Boden gerichtet, auf das Naheliegende. Oder das Bild wird der Nase nach gefunden, etwa wenn der Hund ein totes Reh aufspürt …










